Geschichte der Kinderreitschule – erzählt von Ilse Spreen

Die Geschichte einer außergewöhnlichen Kinderreitschule

Erzählt von Ilse Spreen

1. Teil: Es begann alles mit „Musse“

An einem Sommer-Sonnen-Ferientag auf der Ostseeinsel Bornholm stand auf einer Weide eine dicke Norwegerstute, an jeder Seite lugte ein Fohlen hervor. Und gleich ging die Bettelei der reitversessenen Tochter los – zumal ihr Lieblingspony, welches sie immer während der Sommerferien auf Bornholm ritt, verkauft war – „Mama, kauf‘ mir ein Pony“. Und in einem Moment geistiger Umnachtung – anders wäre es nicht zu verzeihen – kaufte ich die kleine Jährlingsstute „Musse“, deutsch: „Mäuschen“, die ein Pferdekenner nie gekauft hätte. Sie wies alle Fehler auf, um von einem Kauf Abstand zu nehmen; sie war schmalbrüstig, x-beinig, bockhüfig und vieles andere mehr. Und ihrem Namen „Mäuschen“ machte sie alle Ehre, denn sie war maus-grau. Und sie war auch viel zu teuer, denn sie hatte nicht einmal vollständige Papiere: Ihr Vater war der gekörte Araberhengst Emir OX, ihre Mutter war unbekannt, mal etwas Neues, meist ist es umgekehrt. Es waren auf der Weide in der Nacht mehrere Fohlen geboren worden, und der Züchter konnte nicht mit 100%iger Sicherheit die Musse-Mutterstute benennen, zumal eine Stute zwei Fohlen säugte.

Nun hatten wir ein Pferd! Es war das Jahr 1973, alle Grenzen waren dicht, und der Züchter wollte den Transport innerhalb Dänemarks übernehmen – Roenne-Trelleborg-Malmö-Kopenhagen – bis an die deutsche Grenze bei Flensburg, dann sollte ich den Weitertransport organisieren. Oh, wenn ich doch geahnt hätte, auf was ich mich da eingelassen hatte. Täglich wartete ich auf den Anruf des Züchters, dass „Musse“ auf der Fähre nach Trelleborg oder nach Kopenhagen oder sogar schon auf dem Weg zur deutschen Grenze war. Nichts geschah. Es verging der August, der September, es verging der Oktober – ich dachte an die Herbststürme und die kurze Dünung auf der Ostsee – und an die arme Musse. Und dann endlich im November kam der langersehnte Anruf: „Musse ist in Roenne und kommt am nächsten Morgen auf die Fähre!“ Nun hatte ich genug Zeit, den Berliner Transporteur auf den Weg zu schicken. Der Wagen musste desinfiziert werden, man musste mit stundenlangen Aufenthalten an den deutsch/deutschen Grenzen rechnen, auf die Tierärzte zur Identifizierung und Untersuchung warten. Der Wagen war auf der Strecke Richtung Flensburg, hatte bereits zwei Grenzen passiert, da kam der Anruf des Züchters, dass der Fährverkehr wegen starker Herbststürme eingestellt wurde. Zurück marsch-marsch mit dem Wagen ohne Musse – und das Ganze nach zehn Tagen noch einmal von vorn. Und dann, nach stundenlangem Warten, standen wir ziemlich hilflos mit unserem Pferd um kurz vor Mitternacht in der Berlepschstrasse.

2. Teil

Es war alles kolossal gefährlich und aufregend. Musse sprang völlig verängstigt an der Führleine hin und her und nie wird sie darüber sprechen, wie unendlich viele Stunden sie im Transporter auf schaukelndem Pflaster oder im Fährenbauch auf rollenden Ostseewellen verbracht hatte, und erschreckend wurde mir bewusst, dass es zwei verschiedene Schuhe sind: Pferdeeigentümer oder -besitzer zu sein; in der kältesten, nassesten, stürmischsten Novembernacht seit Jahren. Alle Götter schienen mich verlassen zu haben und ich schwor mir, nie wieder ein Pony zu kaufen. Glinda versuchte, das aufgeregte Mäuschen zu beruhigen, ich zog es vor, mich zu verziehen, um den Stallbesitzer anzurufen, um so schnell wie möglich das Mäuschen in seine Box zu bekommen. Und das klappte dann auch ganz schnell. In der Berlepschstrasse, wo sich heute die Firma mit dem Stern ausgebreitet hat, befand sich noch eine Remise, in welcher ein Pferd und ein Pony standen. Und dort verbrachte Musse ihre ersten Tage und Nächte in Berlin, und ich glaube, es waren nicht sehr glückliche. Aber wir waren sie wenigstens los! Nach ein paar Tagen bezog sie dann ihr Domizil im Wiesengrund am alten Königsweg: eine kleine Box und einen kleinen Paddock, der zur Box gehörte. Und wir durften und mussten nun täglich – und das habe ich auch nicht bedacht – bei Wind und Wetter – Novemberstürme, Dezemberschneetreiben, in grausamer Dunkelheit und gruseliger Einsamkeit nach einem schweren, arbeitsreichen Tag oder nach der Schule und vor den meist noch nicht gemachten Schularbeiten – unsere Musse besuchen. Sie hatte schnell begriffen, dass sie nun uns – oder zu uns gehörte, und sie wartete auf uns. Und sie war so glücklich, wenn wir sie aus dem Paddock holten, um mit ihr durch den Düppler Forst zu streifen. Die Freiheit genoss sie, sie erinnerte sich vielleicht an die weiten Weiden Bornholms. Ganz unwillig ging sie jedes Mal in ihren Stall zurück. Und immer unwilliger und immer lästiger wurde für uns die Pflicht, unsere Musse zu versorgen, zu pflegen, zu bewegen. Es war mir klar, dass sich dringend etwas ändern musste. Sie war das einzige Pony zwischen stadtbekannten Springpferden wie „Donnerwetter“ oder „Seeteufel“, und sie brauchte doch so dringend Pferdegesellschaft zum Knabbeln, Toben und Spielen.

3. Teil

Zu damaliger Zeit fuhr noch die S-Bahn von Zehlendorf-Mitte nach Düppel, und an der Idsteiner Strasse gab es eine Schranke, die von einer Schrankenwärterin bedient wurde. Das zweite Gleis wurde 1945 demontiert – es war wohl die Strecke nach Magdeburg, und auf diesem Gelände wohnte und gärtnerte ein Stadteinsiedler zwischen allerlei Getier und Gevogel. Zu ihm ging man gern, um sich mit frischem Obst und Gemüse zu versorgen und den Kindern die Möglichkeit zum Bestaunen und Streicheln der vielen verschiedenen Tiere zu geben. Und es war klar, dass der Wunsch entstand, Selbstversorger zu werden, ein wenig alternatives Leben vor der Haustür zu genießen. Bald hatten wir auch 300 Quadratmeter der alten Strecke, bald sahen wir auch ein, dass ein Urbarmachen unmöglich war, eine Firma musste her, die sah auch bald ein, dass weitere 600 qm der von Anwohnern in30 Jahren mit Müll zugeschüttete Böschung entrümpelt werden mussten, um mit den Baggern an die Strasse zu gelangen. So hatten wir fast1000 qm, zum Gärtnern zu viel – für ein Pony gerade ausreichend. Wir holten Musse, bauten einen 17 m tiefen Brunnen, eine Hütte und einen Stall, entsagten dem Grossstadtleben und mühten uns nur zum Schlafen nach Hause. Und Musse war trotzdem nicht zufrieden; Pferde sind Herdentiere, und eine Herde konnten wir ihr nicht ersetzen. Da ergab es sich, dass mein damaliger Finanzberater Urlaub machen wollte und nicht wusste, wo er die beiden Ponys seiner Kinder während der drei Wochen lassen konnte, und Musse schneller als gewollt Gesellschaft bekam. William the Conqueror, genannt Willi, und Wotan mussten sich der jungen Stute bedingungslos unterordnen, sie übernahm sofort die Rolle des Leittiers. Obwohl sie nun Pferdegesellschaft hatte, blieb sie zickig – Stuten sollen das häufig sein, und ihre Launen entlud sie nun auf die armen beiden Wallache, was uns nur recht war, denn der Umgang mit ihr war nicht immer leicht. Nach drei Wochen verließen uns die beiden Ferienponys, teils war es eine Erleichterung, teils tat uns Musse leid, nun wieder ohne Gesellschaft zu sein. Aber wir hatten auch ohne Pferdegäste genug zu tun, schon 200 Meter Zaun pferdesicher zu bauen, war eine schwierige Aufgabe. Es kam auch immer wieder Müll zum Vorschein, der entsorgt werden musste, es gab ja keinen Strom, alles musste mit Muskelkraft erledigt werden. Und dann standen eines Tages wieder Willi und Wotan vor der Tür, weil der Finanzberater sich aus dem Diesseits freiwillig entfernt hatte. Und ich hatte geschworen, kein weiteres und überhaupt nie wieder ein Pony zu kaufen!

 

4. Teil

Ja, nun waren es drei. Und da es die kleinen Mädchen immer zu Ponys zieht, kamen auch bald die Kinder zu uns, die Willy und Wotan bei dem Vorbesitzer auf dem Schulweg gestreichelt und mit Leckerle versorgt hatten. Und nun warteten Kind und Ponys auf mich, wenn ich nach anstrengender Arbeit endlich und täglich auf der Koppel erschien, und wollten versorgt sein. Alles saß, aß und fraß an meinem Tisch mit; so verschwand blitzschnell eine Erdbeertorte mit Sahne in Musses Magen. Als sie mir aber in ihrer Gierpansigkeit ein Leberwurstbrötchen aus der Hand schnappte und verschlang, verzieh sie mir das lange nicht – Leberwurstbrötchen hatte sie nicht in meiner Hand vermutet. Sie legte sofort die Ohren an, sobald sie mich gewahr. Nach all dem Tun, nach schwerem Dienst, war ich eigentlich immer zu müde, um Schlafstörungen zu haben, aber beim Einschlafen – Gott sei Dank nur eine kurze Phase – kamen mir Gedanken der Reue, ob es nicht doch bequemer und billiger gewesen wäre, in der Reitschule Onkel-Toms-Hütte Reitstunden zu buchen oder ein Pony auszuleihen. Aber es gab kein zurück mehr, zu viel Zeit, Liebe, Arbeit, Kampf und Material waren schon investiert. Damals wusste ich noch nicht, wie es alles kommen würde. Jetzt kam erst einmal der Sommer, und mit ihm die großen Ferien, und mit ihnen die Probleme: wenn wir verreisen, wohin mit den Ponys? Eigentlich wollten wir sie nicht in Berlin zurücklassen – sie würden uns bestimmt vermissen, und wir sie bestimmt auch. Und es ergab sich, und es ist schön, dass sich immer etwas ergibt, dass ein Kollege einen Bauern in Ost-Holstein kannte, dessen schöner, alter Bauernhof leer stand, weil er sich einen modernen Bungalow gebaut hatte. Außerdem hatte er einen kleine Ferienwohnung, die er uns vermietete, und eine Koppel für unsere Ponys. Wir fanden auch einen Pferdetransporteur, der uns die Ponys nach Kröss bei Oldenburg/ Holstein, kurz vor der Insel Fehmarn, brachte. Es war eine lange Fahrt, – eine sehr lange Fahrt. An der deutsch-deutschen Grenze mussten die Tierärzte konsultiert werden, schon in Berlin musste der Veterinär Identitätspapiere und Gesundheitsun- Bedenklichkeitsbescheinigungen – so lang wie dieses Wort, so umständlich war die Fahrt von Deutschland nach Deutschland – ausstellen. Aber schließlich kamen wir dann doch in Kröss an. Und wir fanden es gar nicht so ungewöhnlich wir die Dorfbewohner und Gäste des Ortes, mit den Ponys auf die Reise zu gehen, die über uns nur den Kopf schüttelten. Und morgens schnappte sich Glinda die Drei und führte sie an einem Haferfeld entlang auf eine grosse Wiese. Gern hätte ich ihr geholfen, aber ich war nicht in de Lage, nur eines der Ponys zu führen; sie führten mich – schnurstracks in das Haferfeld. Eines Tages hatten wir die Idee, mit unseren drei Ponys an die Ostsee zu gehen. Diese Idee war nicht gut.

5. Teil

Guten Mutes, bei herrlichem Sonnenschein, machten wir uns am nächsten Tag auf den beschwerlichen Weg an die Ostsee. Zwar waren es nur 3 km Luftlinie bis dahin, aber der Weg auf der Landstraße zog sich 6-7 km hin. Aber auch der längste Weg hat mal ein Ende, und dann endlich, die Füße verblast, erreichten wir den Deich und den Durchbruch, der zum Strand führte. Ein gewaltiges Getöse und Gedröhn und riesengroße Wellen brandeten uns entgegen. Die Hälse unserer Ponys wurden immer länger, und als sie begriffen, dass es die Ostsee war, die da auf sie zukam, machten sie die perfekteste einphasige Hinterhandwendung – und sie waren nicht mehr gesehen. Irgendwo in einem von zarteren Winden wogenden Kornfeld neben der Landstraße fanden wir sie dann, schlotternd vor Angst. Wir vermieden es geflissentlich, zukünftig das Wort „Ostsee“ in ihrer Gegenwart zu benutzen. So verbrachten sie den Rest ihrer Ferientage auf der großen Wiese, die so schön saftig war, die nicht eingezäunt war, so dass sie sich an dem angrenzenden Haferfeld auch gleich mit dem notwendigen Kraftfutter versorgen konnten. Und abends holten wir sie in eine kleine umzäunte Koppel, umrandet von riesengroßen Pappeln, in denen viele Käutzchen lebten; am Wiesenrain nächtigten Rehe mit ihren Kitzen. Weit und breit gab es keine Straßen, es war eine perfekte Welt für Tiere. Aber auch die schönste Zeit geht einmal zu Ende, eines Tages verluden wir dann wieder unsere Ponys und begaben uns auf den beschwerlichen Heimweg durch vier deutsch-deutsche Grenzkontrollen. Und nachdem mittels vieler Stempel festgestellt worden war, dass sich die Identität der Ponys auf der langen Reise nicht verändert hatte, erreichten wir dann endlich Düppel – endlich zu Hause! Und das wurde auch Zeit. Die sechswöchige Abwesenheit hatten die lieben Nachbarn genutzt, um wieder ihren Müll in unsere schöne Kolchose zu entsorgen. Auch die Zäune waren wieder beschädigt, da hieß es, Ärmel hochkrempeln und ran an die Arbeit. Störend und auffällig benahm sich Willi, unser kleiner Schimmelshetland-Wallach. Es fiel uns auf – und es war uns schon immer aufgefallen -, dass er eine eigenartig eigenwillige Eigenschaft an den Tag legte, denn immer, wenn er einen Zweibeiner von hinten sah, raste er auf diesen los und schubste diesen mit aller Gewalt zu Boden, egal in welcher Verfassung sich dieser befand. Und da Pferdekoppeln meist morastig sind, war es ein zweifelhaftes Vergnügen, mehrere Bauchlandungen zu machen. Willis Benehmen veranlasste uns, in seiner Vergangenheit zu forschen. Was hatte er wohl alles erlebt, wo kam er her, bevor er zu den Kindern meines ehemaligen Finanzberaters kam? Er hatte ihn von einem Pferdehändler, und dieser wiederum hatte ihn von einem Zirkus. So erfuhren wir, dass Willi zum Gaudi der Zuschauer immer den dummen August in der Arena in die Sägespäne schubsen musste. Das war nun unsere Aufgabe, Willi klar zu machen, dass er von Zirkuspony zum Schulpony avanciert war. Heute kann er sich rühmen, dass die bekanntesten Reiterinnen ihre erste Reitstunde auf ihm absolvierten.

6. Teil

Die Tage wurden schnell kürzer, der Herbst nahte. Morgens lagen die Nebel in der Niederung der Koppel, wenn wir vor Arbeit und Schule die Ponys versorgten. Das viele Kleingetier, welches Glinda im Keller unseres Wohnhauses hielt, wollte auch versorgt sein. Zwar war die Anlage sehr schön und zweckmäßig, der Raum tapeziert, das große Terrarium vor den Fensterschacht gebaut, so dass die Tiere auch Regen und direkten Sonnenschein genießen konnten, und mit viel Gebüsch und Tannenzweigen ausgestaltet. Trotzdem entschlossen wir uns, die Kaninchen, Meerschweinchen, Schildkröten etc. auch auf das Grundstück zu nehmen.

Und wieder begann die Bauerei, die Nur-Dach-Häuser der Kaninchen wurden in die Lehmböschung gebaut, was die Bewohner inspirierte, die Rückwände ihrer „Gefängnisse“ durchzunagen, obwohl ich diese mit herrlichen Landschaftspanoramabildern versehen hatte, um artgerechte „Bau’s“ in die Böschung zu graben. Diese waren glücklich, die Ponys waren glücklich, auch ihnen diente die Lehmböschung als Stallwand, nur wir sahen dem mit schnellen Schritten nahenden Herbst und Winter mit gemischten Gefühlen entgegen. Der bildschöne, achtflammige, schmiedeeiserne, finnische Leuchter würde uns wieder mit Überraschungen erfreuen, wenn man nicht genau aufpasste und die Kerzen zu weite abbrannten, zersprangen die gläsernen Kerzenhalter, und Scherben und flüssiger Wachs landeten in der Reispfanne oder einem anderen Essen, was natürlich gerade immer darunter stand und was man eigentlich nicht gern damit „gewürzt“ hätte. Also entschlossen wir und, nachdem der Leuchter uns genug überrascht hatte, einen Abstrich am alternativen Leben zu machen, und richteten eine Propangasanlage ein. Nun hatten wir eine schöne Heizung, das Kochen war wesentlich bequemer, und die Lampen mit den karierten Schirmchen passten auch gut in die Holzhütte. Zu damaliger Zeit gab es noch kein Museumsdorf, geschweige denn eine Ami-Siedlung, bis zur Grenze gab es Kornfelder und Wiesen und Tümpel. Hinten, in der letzten Ecke an der Grenze, hatte ein Professor eine Koppel, auf der er seine Araber hielt, auch einen wunderschönen gekörten Hengst. Keine „Umweltschützer“, keine „Wasserschutzbehörde“ untersagte das Reiten in dem nunmehr streng geschützten Gebiet, was zu jeder Jahreszeit ungeheuer reizvoll war. Wenn Schnee lag, spannten die Kinder die Ponys vor die Schlitten und sausten über die verschneiten Felder. Es war die Welt für Wotan, den Isländer, und Willi, das Shettlandpony, aber Musse, sie kam ja auch aus dem Norden, war anscheinend zu stolz, sich einspannen zu lassen. Es war sowieso nur mit äußersten Tricken möglich, ihr die Trense anzulegen, das Gebiss musste ausgeschnallt werden und dann – wenn man es dann endlich und mit viel Gehopse geschafft hatte, den Genickriemen hinter die Ohren zu bekommen – begann die zweite, schwierige Phase, ihr mit einem Leckerle, einem Zucker oder ähnlichem, das Gebiss in das Maul zu bugsieren. Oft war es genau so schnell wieder draußen, wie es drin war. Pferdekenner – wir waren ja keine – rieten uns, und sie hatten ja die Erfahrung und wir waren für jeden Rat dankbar, Musse decken zu lassen, Stuten brauchen oft ein Fohlen, um vernünftiger zu werden.

7. Teil

Und da wir ja das Glück hatten, was ja in einer Großstadt erstaunlich ist, einen passenden Hengst an der nächsten „Ecke“ zu haben, zogen wir dann eines Tages mit Musse zu dem Professor, sie vorzustellen und gegebenenfalls einen Termin für die Hochzeit auszumachen. Und beide, Professor und Hengst, waren von Musse – sie war ja auch bildschön geworden – begeistert, so daß wir dann auch schon in der nächsten Woche den Versuch starten wollten, sie zu verpaaren. So oft wir konnten, führten wir Musse am Zaun an Nirwans Koppel vorbei, und man konnte unschwer erkennen, dass die beiden sich mochten. Über die Folgen des Entschlusses habe ich mir damals keine Gedanken gemacht. Aber das dicke Ende kommt ja bekanntlich immer nach! Also – am Tage der Hochzeit – putzten wir Musse besonders gut, sie bekam ein neues Halfter um, und wir machten uns auf den Weg. In der Koppel stand der Professor, hatte seinen Hengst an der Longe – noch kurz gehalten – und schickte uns mit Musse in einige Entfernung an eine Stallwand. Rechts und links sollten wir Musse am Halfter festhalten. Das taten wir dann auch!! Er ließ die Longe nach, und Nirwan kam – schniefend, schnaubend – gewaltig beängstigend – schon spürte ich die Hufe auf meinem Schädel – angestoben, wie eine Dampflokomotive. Festhalten, hörte ich den Professor rufen; die Götter seien bedankt, es war nicht nötig, Musse ertrug ihre Hochzeit in aller Ruhe, ohne sich überhaupt von Fleck zu rühren. Denn das hätte ja für uns übel enden können. Stuten schlagen oft nach den Hengsten aus, und es ist darum üblich, sie in Barren zu stellen und ihnen die Hinterbeine zusammen- zubinden. (Was ich aber auch erst hinterher erfahren habe.) Glücklich, alles so gut überstanden zu haben, zogen wir mit Musse zurück in die heimatlichen Gefilde. Stuten sind 11 Monate und zwischen einer und drei Wochen tragend, so hatten wir fast ein Jahr Zeit, gespannt zu sein, was wohl die/ der nächste vierbeinige Genosse in der Herde sein wird. Und wegen des Zuchterfolges war auch der Professor an dem Ergebnis interessiert. Aber, wie immer bei uns, kam alles anders. Den Sommer verbrachten wir wieder an der Ostsee. Doch kaum hatte ich mich von den Strapazen der Erholungsreise erholt, stand ein neues Problem vor dem Tor, nein – eigentlich zwei Probleme.

8. Teil

Zwei kleine Mädchen saßen in einer kleinen Kutsche, die vor dem Tor stand – und angespannt waren die beiden Probleme, zwei Shetlandponys. Sie sollten verkauft werden, sie wurden nicht mehr gebraucht. Sie machten einen bedauernswerten Eindruck. Aber ich blieb stark – es fiel mir schwer – ich schickte sie fort! Zwar dachte ich an die immer häufiger vor dem Tor stehenden kleinen Mädchen, die „wenigstens ein Pony pflegen wollten“; es war aber schon genug, was da an Kind und Pony herumwuselte. Aber es vergingen nur ein paar Tage, da standen die beiden Probleme wieder vor dem Tor, und die begleitenden Kinder erklärten, dass sie zum Schlächter kämen, wenn ich sie nicht kaufe. „Sie“, das war ein sehr kleiner, sehr niedlicher Shetland-Fuchs-Hengst, mit sehr langer Mähne, sehr temperamentvoll und eine sehr unförmige, sehr kurzbeinige, sehr großköpfige – alles war sehr unförmig an ihr – Shetlandrapp-Stute, aber mit sehr großen, sehr ausdrucksvollen Augen. Es schien mir, als hingen in diesen Augen Tränen. Natürlich habe ich sie gekauft! So erweiterte sich unser Bestand um Minimax und Madame Nou. Und da sie wohl verstanden haben, dass ich sie vor dem Schlächter gerettet habe, fügten sie sich reibungslos in die vorhandene kleine Herde und gaben sich alle Mühe, den Kindern zu gefallen. Irina, ein Reitkind der ersten Stunde, nahm sich gleich des kleinen Hengstes an; er war ein richtiges, zwar sehr lebhaftes, bildschönes Kuscheltier. Und die beiden passten zueinander, wie die Faust aufs Auge. Und wenn sich Irina nicht mit Minimax beschäftigte, beschäftigte sich Minimax Nachwuchs produzierend mit Mme. Nou. Wir harrten erwartunsvoll der Dinge, die da evt. kommen würden. Dann hätten wir im nächsten Jahr vielleicht zwei Fohlen. Heute kann man sich nicht mehr vorstellen, dass schon an der Clauertstraße Kornfelder und Wiesen begannen, und mit den Ponys verbrachten wir oft die Nachmittage dort. Das Wiesengras, Kräuter und Gewächse standen so hoch, dass man die Ponys nicht mehr sah. Die Kinder realisierten ihre „Heidi-Träume“, ab und zu tauchte ein Strohhütchen auf, es war so friedvoll, und die Luft war von Glückseligkeit geschwängert. Man hätte nicht glauben mögen, dass man sich in einer Großstadt befand. Und den Sommer verbrachten wir natürlich wieder an der Ostsee. Inzwischen mieteten wir den ganzen alten Bauernhof mit der unendlichen Weide, die direkt an den Stall angrenzte, der wiederum direkten Zugang zum Haus hatte. So besuchte uns Willi oft in der Küche, was die Kinder – es waren meist zehn, die mit in die Ferien kamen – immer sehr belustigte. Er musste immer alles sehen, riechen, kosten. Was machen bloß die armen Pferde, die ihr ganzes Leben in einer Box – meist 3×3 m – eingesperrt sind, bis ihr Leben, meist mit einer Spritze beendet wird. Was haben sie verbrochen?

9. Teil

Wir hatten an der Ostsee hinter den Kornfeldern eine einsame Stelle entdeckt, wo wir mit unseren Ponys unbeschadet, keinen störend, baden konnten, was wir natürlich nur dann taten, wenn kein Seegang war – wir hatten ja damit unsere Erfahrung gemacht. Der Weg war zwar weit, aber die Kinder ritten auf der Landstraße, und ich begleitete sie mit dem Fahrrad, was eigentlich diese Bezeichnung nicht mehr verdiente. Ich hatte es in der Scheune aufgestöbert, es fuhr mehr schlecht als recht. Der Küstenstreifen an der Steilküste hatte keinen Strand, nur Steine, die die Nordweststürme dort hinrollten, denn sie waren kugelrund, lagen auch im Wasser, was das Baden erschwerte, außerdem ging es gleich tief rein. Diese Nachteile hatten für uns den Vorteil, dass es dort keine Badegäste gab und die Ponys frei herumlaufen konnten. Madame Nou entpuppte sich als eine echte Wasserratte, das heißt, wenn sie im Wasser schwamm, wurde einem bei ihrem Anblick bewusst, wie es zu dem Begriff „Flusspferd“ kam. Auch Wotan liebte das Wasser, was bei einem Isländer ja nicht verwunderlich ist. Zum Abendbrot zogen wir dann wieder nach „Hause“, manchmal nicht ganz ohne Zwischenfall. Auf der Chaussee stoppte uns die Polizei, die mein nicht den Vorschriften entsprechendes Fahrrad beanstandete. Um den Verkehr nicht zu behindern, begaben wir uns mit dem Objekt des Anstoßes in den Chausseegraben, und nachdem wir eine halbe Stunde alle Mängel beanstandet und vergeblich nach dem Dynamo gesucht haben, zumal ich Stein und Bein schwor, bei der Abfahrt noch einen gehabt zu haben, ließ mich die sehr charmante Dorfpolizei straffrei fahren/ gehen. Und die Ponys hatten die Zeit sinnvoll genutzt und sich im Haferfeld am frischen Hafer delektiert. Weil wir Selbstversorger waren, war es unvermeidbar, dass wir unseren Proviant einkaufen mussten. Im Dorf selbst gab es einen kleinen Tante-Emma-Laden, der erstens nur wenige Stunden, zweitens nicht alle Tage und drittens nur ein sehr eingeschränktes Sortiment anbot. Um zehn bis fünfzehn hungrige Mäuler zu stopfen, mussten wir nach Oldenburg reiten, wo es zu damaliger Zeit schon eine riesige „Konsumburg“ gab mit einem ebenso großen Parkplatz, den wiederum riesige Fahnenmasten umsäumten, an denen die längs gespannten Fahnen im Winde flatternd einen ohrenbetäubenden Lärm verursachten. Diese Masten hielt ich für geeignet, unsere Ponys dort anzubinden, während wir einkauften. Zu damaliger Zeit hatte ich kaum Erfahrung mit pferdischen Gemütsverfassungen, die auch nur schwer Plastiktüten ertragen, in denen jedes Reitkind die Einkäufe nach Hause reiten musste. Und das über eine hohe Autobahnbrücke, die die B4 – die Vogelfluglinie nach Putgarden – überspannte, deren Verkehr von oben gesehen schon sehr erschreckend und beängstigend aussah. Es wundert mich noch heute, dass die Ponys nicht im Carrée gehüpft sind. Aber eigentlich war das „über die B4“ noch eine einfache Übung. Schlimmeres stand uns bevor – wir mussten sie kreuzen!

10. Teil

Es gab in Segalendorf – landeinwärts – eine alte, herrliche Gutsanlage, einen großen Park mit allerlei Getier, einem schlossähnlichen Herrenhaus, Gesindehäusern, großen Fachwerkscheunen, vor dem Tor die Schmiede am Feuerlöschteich und an der Zufahrtsstraße die Häuser der Landarbeiter, die sich jetzt aber Hamburger – man sah es an den Nummernschildern der Autos – als Feriendomizile ausgebaut hatten. Wir „eingemauerten“ Berliner konnten davon nur träumen. Und es gab in Segalendorf eine Shetlandponyzucht, wo hauptsächlich für den Zirkus Sarasani gezüchtet wurde, und dies war der Grund, dass wir und eines Tages auf dem Weg machten, um uns die Ponys anzusehen. Wir sattelten die Rösslein und das Stahlross und ritten und radelten zum Dorf hinaus bis zur Chaussee, dann rechts ab, den nächsten Abzweig links, und dann wieder durch ein Dorf mit alten reetgedeckten Fachwerkhäusern – es gab viel Schönes zu sehen für die Zwei- und Vierbeiner – und über allem lag ein Rauschen, die Ostsee war noch weit – aber hinter der letzten Biegung den hinauf, sahen wir den Ursprung des Rauschens: die B 4, die Straße nach Skandinavien. Und da mussten wir rüber! Ununterbrochen sausten die Autos, Wohn- und Lastwagen an uns vorbei Richtung Fähre, gab es mal eine kleine Lücke, raste es in der entgegen gesetzten Richtung ununterbrochen an uns vorbei. Wie wir es schließlich doch geschafft haben, grenzt an ein Wunder. Wir ritten in Segalendorf ein, wir ritten durch den großen Gutshof an den Scheunen, an den Gesindehäusern vorbei – wir sahen keinen Menschen, den wir nach den Shettys hätten fragen können. Wir ritten durch den Park, wir ritten auf die Felder, wir fanden weder die Shettys noch trafen wir einen Menschen. Aber in der Ferne sahen wir einen Geländewagen und in dessen Nähe fanden wir auch einen Menschen, der noch dazu aussah, als sei er der Herr des Herrenhauses und allem, was dazu gehört. Und so war es auch. Er zeigte uns den Weg zu den Shettys, er erlaubte uns, Mme. Nou von dem kleinen gescheckten Hengst decken zu lassen. Wir fanden die Shettys, die auf der großen Weide ein beneidenswertes Dasein führten, wenn man an die armen Artgenossen denkt, die Sommer und Winter in engen Boxen eingesperrt sind, wir fanden den Hengst, der aber fand das Gras interessanter als unsere süße Mme. Nou. Es war aber ein schöner, abenteuerlicher Tag, der uns müde und glücklich in unsere Betten fallen ließ. In dem kleinen Dörfchen Kröß gab es natürlich einen Fußballplatz, den wir auch als Reitplatz nutzten. Er gehörte der Gemeinde, trotzdem machten die Fußballer Terror, sie ja überall die besseren Karten, und wir mussten weichen. Wir erforschten reitend das Umland, bekamen aber auch von einem Großbauern, der ein Herz für Reiter hatte, ein großes Stück von einem Acker zur Verfügung gestellt, so dass wir wieder einen Platz zum Üben hatten. Aber der Tag rückte immer näher, der das Ferienende brachte, und es begannen die Vorbereitungen für die Rückreise durch die deutsch/ deutschen Grenzen. Die Kinder brauchten ihre Lichtbildbescheinigungen, die Pferde ihre Identitätsausweise und Gesundheitsbescheinigungen vom Amtstierarzt, der Transporter kam, und dann fuhren wir heim nach Berlin.

11. Teil

Nach Berlin zurückgekehrt, standen wir vor neuen Aufgaben. Unsere 5 Tiere und unsere inzwischen auf 12 bis15 Kinder angewachsene Crew, machten es erforderlich, dass wir die Nachmittage organisierten. Die Kinder kamen oft schon nach der Schule, versorgten die Ponys, es kam auch vor, dass sie das Sattelzeug pflegten oder auch die Koppel abharkten. Und natürlich ritten sie auch. Die erfahrenen Größeren unterrichteten die Kleinen. Um die steigenden Unkosten zu decken, verkauften wir Reitkarten. Die Rückseiten von Bildern unserer Ponys wurden mit gelbem Papier beklebt, welches mit einer 10-Stunden-Einteilung bedruckt war. Die Karten waren wegen der Bilder sehr beliebt und kosteten 100,- DM. Es war möglich, an einem Tag mehrere Stunden zu reiten. Die Karten wurden von den ‚Unterrichtenden‘ unterschrieben. Es war eine sehr einfache Buchführung. Und da die Kinder auch immer Hunger hatten, gab es auch immer etwas Essbares. Besonders beliebt war die Reispfanne. Als Reitplatz diente uns der Weg vor der Koppel, der damals kaum befahren war. Meistens wurde aber auf das Düppeler Feld geritten, das hieß dann: ‚Wir machen einen Düppel‘ – oder um den Tümpel, das hieß dann: ‚Wir machen einen Tümpel‘. Es entwickelte sich eine sehr einfache Hofsprache. Und als dann die Minki-Familie das schöne SPR-Pony-Wappen entwarf, hatte die Kinderreitschule ein würdiges Markenzeichen. Eigentlich habe ich vergessen zu erzählen, wie wir zu Timmy bzw. wie er zu uns kamen. Und das war so. Während einer unserer ersten Ostseereisen hörten wir von einer Reitanlage in Oldenburg, die von einem Engländer betrieben wurde und die wir uns unbedingt ansehen mussten. Die Anlage lag auf einem Hügel, bestand aus einer Halle, an deren Stirnseite ein gemütliches Casino grenzte. Separat stand ein Stallgebäude mit großen schönen Boxen, obwohl ich glaube, dass die Pferde lieber draußen in den Feldern herumgetobt wären. Wir sahen uns alle Pferde an und aus der letzten Box hypnotisierten uns 2 grosse Augen eines Ponys an, das kaum über den Rand seines ‚Käfigs‘ gucken konnte. Auf seinem Namensschild stand: Timothy tot 1968. Es muss gesagt werden, dass Glindas Vater Timothy hieß und 1968 tödlich verunglückte. Es war schon eigenartig und vielleicht auch verständlich, dass Glinda unbedingt dieses Pony haben wollte. Wir erfuhren, dass Timmy der Tochter des Engländers gehörte, sie ihm aber entwachsen war, so dass man ihn verkaufen wollte. Timmy hatte in England viele Platzierungen im Springen erzielt. Auf keinen Fall wollte ich ein weiteres Pony kaufen und auch die Besitzerin wollte sich noch nicht so recht von ihm trennen. Im nächsten Jahr stand Timmy noch immer in seiner Box und nunmehr auch zum Verkauf. Ich hatte wieder verloren. So zogen wir mit Timmy los, Glinda schwang sich gleich ganz schnell in seinen Sattel und wurde von ihm auch ganz schnell wieder abgesetzt. Er tobte durch die Felder zwischen der Bundesstraße und der B4. Uns blieb das Herz stehen! Aber nachdem er sich so richtig ausgetobt hatte, ließ er sich willig greifen und wanderte mit uns in seinen neuen Lebensabschnitt.

12. Teil

Wir hatten es nicht ganz leicht mit unseren Ponys, vielleicht lag es daran, dass wir so gar keine Erfahrung hatten. Allein Musse zu trensen war oft ein Kunststück. Sie ließ es einfach nicht zu, dass man ihr das Genickstück über die Ohren zog. So musste man das Gebiss rausschnallen, mit Rübensaft oder Honig bestreichen – wobei es nie ausblieb, dass man auch etwas davon abbekam – und blitzschnell ins Maul schieben – wobei man ständig dem wild hin- und herschlagenden Kopf ausweichen musste, um dann blitzschnell das Backenstück wieder zu verschnallen. Beim dritten Anlauf gelang es dann meist. Sie war schon immer zickig; das war schließlich auch der Grund, dass wir sie decken ließen, in der Hoffnung, dass sie Muttergefühle sanfter stimmten. Die Folgen dieses ihres anderen Umstandes hatte ich auch nicht bedacht, denn ich musste in den Zuchtverband eintreten und wurde somit eine Züchterin, was ich eigentlich gar nicht werden wollte. Der Verband unterstand dem Senator für Wirtschaft, der mit Argusaugen darüber wachte, dass die Rassegesetze eingehalten wurden, und der alle Züchter/innen mehrmals im Jahr zu aufklärenden Versammlungen einlud. Ich gestehe, dass ich absolut nichts verstand, mir war es egal, ob ein Pferd eine „hohe“ Schulter hat – was ist das? Wer hat eine „tiefe“ Schulter? Exterieur und Interieur muss stimmen, was mir auch ziemlich egal war, und was bei unserem „Mäuschen“ ganz bestimmt nicht stimmte. So ertrug ich mein Züchterinnen-Dasein, weil es sein musste.

Und eigentlich hatte sich das graue, x-beinige, schmalbrüstige Mäuschen zu einer schönen, fast bildschönen Schimmelstute entpuppt, wie wir meinten. Vielleicht hatte sie sogar auch eine hohe Schulter. Ihr Zustand – oder besser, ihr anderer Umstand machte es erforderlich, dass wir für Musse einen Stall bauen ließen, wo sie in Sicherheit und Ruhe abfohlen konnte. Wir wollten dann in der Hütte schlafen, um im Extremfall Hilfe aus der nahen FU-Pferdeklinik holen zu können. Die fensterlose Wand unserer Hütte nutzten wir als Rückwand des Stalls, ließen zwei Seitenwände bauen und an die Frontwand eine Doppeltür, so dass sie mit den Kameraden, wenn das Fohlen geboren war und sie in der Box bleiben musste, weiterhin Kontakt haben konnte. Es kam natürlich wieder alles anders, als man es sich so schön ausgedacht hatte.

13. Teil

Der Stall für Musse war wirklich schön geworden. Um sie an die ungewohnte Bewegungseinschränkung zu gewöhnen, stellten wir ihr Futter in die neue Box, denn nichts liebte Musse mehr als das Fressen. Und dann unterhielten wir uns laut in der Hütte und erreichten, dass die sich wenigstens während der Fütterungszeiten in ihrem neuen Gehäuse aufhielt und unsere Nähe wahrnahm. Alles „Neue“ ist nämlich für Pferde äußerst gefährlich. Die Zeit der Geburt näherte sich – obwohl Stuten das Ereignis bis zu drei Wochen hinauszögern können, wachten oder schliefen wir schon jede Nacht in der Hütte. – Musse hatte sich an ihren Stall gewöhnt, in dem sie nun auch schon jede Nacht verbrachte, bis auf … und das war so: Wir hörten ein mächtiges Plätschern, dann ein fürchterliches Krachen, dann hörten wir Musse wild durch die Koppel galoppieren. Wir kamen fast gleichzeitig mit ihr bei der Box an, es machte „platsch“, und vor Musses Füßen lag, fein verpackt in einer zarten Haut, das Fohlen. Und die Stutenmutter Musse wusste sofort – obwohl es ihr ganz sicher keiner gesagt hatte – was sie zu tun hatte. Vorsichtig streifte sie die Haut mit ihrem Huf ab, vor allem vom Gesichtchen des Fohlens leckte sie sie auch ab, damit es atmen konnte. Und immer und immer wieder leckte sie das ganze kleine Geschöpf, was auch sicher die Durchblutung anregte. Dann kam der aufregendste Akt: Das Fohlen sollte aufstehen. Das war nun wieder leichter gesagt als getan, denn der kleine Hengst – das hatten wir inzwischen festgestellt, dass es einer war – bestand eigentlich nur aus Beinen, die er nur schwerlich unter seinen verhältnismäßig winzigen Körper herunterbekam. Er ähnelte eher einem Heupferdchen. Musse ermutigte durch Stupsen ständig den Kleinen, sich endlich auf seine vier Beine zu stellen, aber es gelang ihm nur für Sekunden, das Gleichgewicht zu halten, dann lag er wieder im Stroh. Es ist ja auch sehr anstrengend, geboren zu werden, gleich aufstehen zu müssen nach der langen Prozedur des aus der Haut gepackt und abgeleckt Werdens, und dann auch gleich saufen zu müssen, weil die erste Milch der Mutter wichtige Abwehr- und Aufbaustoffe enthält und nicht ins Stroh vertropfen darf. Und dann muss sich das Fohlen auch noch von dem Teerstuhl befreien, das ist fürchterlich anstrengend, da drückt der ganze kleine Körper, um sich davon zu befreien. Und nachdem ‚all dies schließlich geschehen war, konnte mit dem Leben begonnen werden. Wir versorgten Mutter und Sohn, säuberten sie Box, riefen den Tierarzt, der den Nabel desinfizierte und beide Tiere untersuchte, die Nachgeburt prüfte, ob sie vollständig ist und die wir dann verbuddelten. Ja, dann schlossen wir die Boxentüren und wollten den beiden Ruhe gönnen. Die anderen Tiere hatten natürlich mitbekommen, dass was im Gange war, und die in der Box merkten, dass die Kameraden draußen vor Neugier platzten, das Geschehene in Augenschein zu nehmen.

2. Version von Nadirs Geburt

Immer wieder führten wir Musse in ihre Box, schlossen die untere Tür, damit sie sich an ihre Wohnstätte gewöhnt. Und das tat sie dann auch; sie bekam darin ihr Futter, machte fast einen stolzen, zufriedenen Eindruck, wenn sie durch die obere offene Stalltür Kontakt mit dem Rest der Herde aufnahm. Für die Herde hatten wir einen geschützten Unterstand gebaut, indem wir ein Dach von der Hütte und Box zur Böschung bauten, die Lehmböschung wärmte, die Hütte hielt die Winde ab und die kleine Herde blieb dicht bei der Leitstute. Man konnte es nicht praktischer planen, als es die natürlichen Gegebenheiten verlangten. Na, ja – es nahte die Zeit des Ereignisses, und wir beschlossen, Musse nachts in der Box einzusperren. Wir schliefen in der Hütte am Stall, das heißt, wir hopsten bei jedem Geräusch aus den Federn, um enttäuscht festzustellen, dass Musse noch brav ohne Fohlen in der Box stand und uns ein fremdes Geräusch foppte. Man weiß wohl nicht, warum, aber es kann vorkommen, dass Stuten die Geburt bis zu drei Wochen hinausschieben, bis sie einen geeigneten Morgen für die Niederkunft gefunden haben. Und Musse ließ sich Zeit und stellt unsere Geduld auf eine harte Probe. Aber dann passierte es schließlich doch: Wir hörten ein gewaltiges Plätschern, dann ein gewaltiges Krachen – das war die schöne Boxendoppeltür -, und als wir dann vor der Box standen, kam Musse, die durch die Koppel getobt war, zurückgetobt in ihre Box, und ins Stroh fiel ihr Fohlen. Es ging alles so schnell, und es war alles so wunderbar. Musse befreite ihr Fohlen von der Nabelschnur und der Einhaut, leckte es trocken, stupste es ab und an, um es zum Aufstehen anzuregen. Und das wollte und wollte nicht gelingen, denn die Beine waren viel zu lang. Es war ein kleiner Hengst, und es war einfach nicht mehr mit anzusehen, wie er immer wieder versuchte, auf die Beine zu kommen. Gemeinsam schafften wir es dann. Er sah so drollig aus, wie eine Heuschrecke, sein Körper war so winzig im Verhältnis zu den endlosen Beinen. Und deren Funktion wollte er auch gleich ausprobieren, konnte aber die vier Beine nicht koordinieren und fiel immer wieder hin. Geduld führte schließlich zum Erfolg. Er stand, er mußte stehen, zwar sehr wackelig, denn er drückte und drückte und setzte den „Teerstuhl“ ab, seine erste sichtbare, lebensnotwendige Handlung in seinem Erdendasein. Und dann nahm er wieder den Kampf mit seinen vier Beinen auf, fiel hin, krempelte sich wieder hoch und schaffte es dann doch, sich in etwa normal vorwärts zu bewegen. Dies war wohl der Zeitpunkt, ihn den vor der Box drängelnden neugierigen Genossen vorzustellen, die natürlich längst mitbekommen hatten, dass etwas im gange war. Aber sie mussten sich noch etwas gedulden, denn erst musste der Tierarzt das Fohlen versorgen.

14. Teil

Der Tierarzt war schnell zur Stelle – wir hatten die Tierklinik von der bevorstehenden Geburt unterrichtet – und das Leben des kleinen Hengstes begann mit einer Spritze gegen Fohlenlähme und mit einer Desinfektion des Nabels. Die dann folgende ärztliche Untersuchung ergab einen positiven Befund. Vom züchterischen Vorbild her, hatte er eine bestechend schöne Figur, nicht zuletzt wegen seiner endlos langen Beine. Ich hingegen fand, dass er wie ein Heupferdchen aussah! Nachdem er sich „entfaltet“ hatte, denn im engen Bauch seiner Mutter musste er sich sehr „verknifft“ entwickeln, und es ist ja immer ein Wunder, den ersten Atemzug zu sehen und das Bemühen, auf die Beine zu kommen. Es war aber fast unmöglich, die vier Stelzchen unter den verhältnismäßig kurzen Körper zu bekommen, was dann aber schließlich mit unser aller Hilfe gelang. Das Stehen auf den Hufen wurde auch dadurch erschwert, dass die Fohlen bei der Geburt unter den Hufen lange Hornfransen haben, die wie ein dickes Knäuel unter dem Huf sitzen und sich ziemlich schnell abtreten. Sie sollen die Mutter schützen, wenn während der Trächtigkeit das Fohlen strampelt. Zwei Aufgaben mussten noch bewältigt werden, bevor Hengsti die ersten Schritte in das Leben tun konnte: Die erste Milch, die wichtige Abwehrstoffe enthält, die schon ständig aus dem Euter tropfte, sollte das Fohlen unbedingt absaugen. Und als ob ihm das einer gesagt hatte, suchte und fand er die Quelle und schmatzte gierig die erste Mahlzeit seines Erdendaseins in sich hinein. Und als zweite Aufgabe stand ihm bevor, den Inhalt seines Darmes, der sich während der Trächtigkeit angesammelt hatte, ans Tageslicht zu befördern. Das war leichter gesagt als getan. Vor lauter Prasserei fiel er fast hin. Aber schließlich befreite er sich von dem lästigen Teerstuhl. Nun konnte das Leben beginnen. Ganz eng an den Körper seiner Mutter gedrängt, wagten sie die ersten Schritte in die Koppel. Die Herdenmitglieder hatten natürlich längst bemerkt, dass was im Gange war, und die Mutter-Stute hatte alle Mühe, die Aufdringlichen nicht allzu nahe an ihren Sohn heranzulassen. Und der hatte Schwierigkeiten, den Ablauf seiner vier langen Beine zu koordinieren, so war mancher Sturz vorprogrammiert. Und was gab es nicht alles zu entdecken, Artgenossen und Zweibeiner, eine Tränke, in der man sich spiegelt, und überhaupt auch das Licht – nach fast 12 Monaten absoluter Dunkelheit in Mamas Bauch.

15. Teil

Täglich konnte man nun die Entwicklung des Fohlens beobachten, täglich eroberte er sich ein Stück Umwelt mehr, und Spaziergänge, dicht an den Körper seiner Mutter gedrängt, zählten offensichtlich zu seinen schönsten Erlebnissen. Es wurde Zeit, für ihn einen Namen zu suchen. Den Vorschriften gemäß, musste der Name mit „N“ beginnen, weil sein Vater „Nirwan“ hieß. Schließlich entschlossen wir uns, ihn „Nadir“ zu nennen, das ist der tiefste Punkt am Horizont: wo der Himmel die Erde berührt. Araber waren seine Eltern, so passte der arabische Name gut zu ihm. Und außerdem waren wir ja Züchter geworden, und da herrschten nicht nur bezüglich der Namensgebung strenge Regeln. Einjährig musste er dann mit seiner Mutter im Züchterverband vorgestellt werden, und strenge Richter beurteilten dann sein Interieur, seine Gänge und ich weiß nicht, was sonst noch alles. Und dieser Tag kam schneller als wünschenswert. Die Vorstellung von Mutter und Sohn vor den Richtern und Experten des Züchterverbandes sollte in Rudow erfolgen. Wir mussten also einen Pferdetransporter bestellen, der uns auch immer mit unseren Pferden an die Ostsee brachte. Es war ja noch die Zeit der Mauer, und es gab nicht viele Pferdetransporteure. Er hatte auch Zeit – wir hatten Glück. Das Putzen, Striegeln, Waschen, Frisieren der Pferde nahm fast einen ganzen Tag in Anspruch. Kurz vor der Abfahrt am nächsten Tag wurde noch einmal alles nachkorrigiert. Dann ging es los. Der Pferdetransporter war eigentlich für sechs Pferde bestimmt, so dass Musse und Nadir reichlich Platz hatten, es entstand keine Panik, der kleine Hengst überstand seine erste Reise bestens, denn schließlich liegt Rudow ja nicht gleich an der nächsten Ecke. Der Vorführplatz war festlich hergerichtet. Feierlich saßen drei Herren auf einem Podest an einem Tisch, den Bowler auf dem Kopf, den Bierkasten unter dem Tisch, die Abstammungspapiere vor sich auf dem Tisch. Es gab ja so schöne, goldige Fohlen – Fohlen sind eigentlich immer zum Verlieben – und ebenso nette Stuten, und man vergleicht ja dann immer. Nadirs Beine fand ich im Verhältnis zu seinem Körper immer noch zu lang – obwohl, er sah doch recht anmutig aus und erinnerte sehr an die Ton-Fohlen der Künstlerin René Sinentis. Schließlich war Glinda an der Reihe, mit Musse an der Hand, das Fohlen bei Fuß, musste sie vor den Richtern auf dem Vorführplatz in allen drei Gangarten zeigen, was die beiden konnten. Die Spannung wuchs, und das Resultat: Beide bekamen den ersten Preis und Nadir außerdem den Ehrenpreis des Züchterverbandes Hannover als schönstes Jahrgangsfohlen. Na wer hätte das gedacht; – wir waren sehr stolz auf unseren „Zuchterfolg“ – eigentlich konnten wir gar nichts dafür.

Reiten für Kinder und Jugendliche in Berlin beim KJRFV Zehlendorf e.V.